Was ist für die Vielseitigkeit jetzt wichtig?

Die Diskussionen über die laufende Saison und wie es mit dem weltweit von Covid-19 betroffenen Sport weiter gehen wird, ist in vollem Gange. Genau wie es völlig unterschiedliche Meinungen zu den politischen Entscheidungen in den einzelnen Staaten gibt, sind die Ansichten nach der verspätet angelaufenen Saison und wie es in den nächsten Monaten weiter gehen soll, sehr konträr.
Da nach den ersten Lockerungen, mehr Reisefreiheit und vor allen Dingen mehr Tests zwangsläufig die Zahlen der Neuinfizierten (es wird leider nie berichtet, wer von den Infizierten tatsächlich in ein Krankenhaus muss) wieder ansteigen, werden die Stimmen der Mahner deutlich lauter.
Die hoch angesehene, britische Journalistin Pippa Cuckson , die sich vor allen Dingen einen Namen mit der sehr guten Berichterstattung über die Schattenseiten des Distanzreitens machte, prangert die ihrer Meinung nach viel zu lasche Durchführung internationaler Reitsportveranstaltungen an. Dazu passte der vielbeachtete Aufruf des kanadischen Top-Springreiters Eric Lamaze, der seit vielen Jahren in Belgien lebt und ein Turnier in Lier verlassen hat.  Lamaze kritisierte das Corona-Management, das von der FEI und den Turnierorganisatoren besser geregelt werden müsste. Er beschreibt, dass die Pfleger Maske und Handschuhe tragen müssten, aber es zum Beispiel für die Reiter beim Abgehen des Parcours - z.B.  im engen Kontakt mit Auszubildenden, einem Team bzw. im Austausch mit Reiterkollegen, keinerlei Richtlinien gibt. Dazu fand dort eine Party statt, die erst von der Polizei beendet worden sei.
Inzwischen wurden in Belgien u.a. die Kontaktbeschränkungen wieder verschärft und nur noch maximal 200 Zuschauer bei Sportveranstaltungen zugelassen. Wie die Veranstalter des CCI Arville (bei Namur) in knapp drei Wochen mit der neuen Situation umgehen, bleibt abzuwarten.

Dagegen geht  die Entwicklung in Frankreich, das zu Beginn der Pandemie sehr strenge Auflagen erließ, noch in eine andere Richtung. Über mehrere Wochenenden fanden international stark besetzte Springturniere in St. Tropez statt - offiziell ohne Zuschauer, aber auch ohne Maskenpflicht bei den Aktiven. In Jardy bei Paris fand eine große Vielseitigkeit mit Zuschauern statt und in der übernächsten Woche wird es auch in Haras du Pin/Normandie eine internationale Prüfung geben, für die der Veranstalter bei Zuschauern mit der Teilnahme von Olympiasieger, Welt- und Europameister Michael Jung oder dem australischen Topreiter Chris Burton im Internet wirbt. Im Oktober sind die Weltmeisterschaften der jungen Pferde in Le Lion d'Angers sowie das einzige 5 Sterneturnier dieses Jahres in Pau geplant.
Besonders  an diesen beiden Turnieren würden ganz gewiss auch alle Reiterinnen und Reiter gerne teilnehmen, die in Großbritannien sowie Irland leben und trainieren. Auf den beiden Inseln haben nationale Prüfungen erst vor wenigen Wochen wieder begonnen, aber ob sie diese im Herbst verlassen dürfen bzw. wollen, kann heute niemand abschätzen. Am dritten Augustwochenende findet das erste CCI4 auf der Insel in Burgham statt, aber die meisten Klassiker (u.a. Badminton/Burghley/Bramham
Blenheim/Blair Castle/Chatsworth/Gatcombe/Houghton Hall oder Barbury) wurden abgesagt.

In Deutschland war der in der Nähe von Luhmühlen beheimatete "Montagsreiter-club" so etwas wie der Vorreiter, der mit seinen Springturnieren bewiesen hat, dass man unter Beachtung der Hygienevorschriften und Abstandsregelungen den Sport wieder durchführen kann. Zwar gab es auch hier kritische Stimmen, aber das sehr positive Echo der Aktiven hat gezeigt, wie wichtig dieser mutige Schritt war. Danach fanden auch wieder bundesweit Geländepferdeprüfungen oder CCI's in Westerstede und Luhmühlen statt. 

In erster Linie sind diese Veranstaltungen lebensnotwendig für die Sportlerinnen und Sportler sowie ihre Pferde. Die Interessen von Zuschauern und Medienvertretern, die jeder Veranstalter gerne dabei hätte, sind absolut zweitrangig. Zu Beginn der Saison durften nicht einmal Besitzer die Auftritte ihrer Vierbeiner verfolgen. Letztlich muss jeder Ausrichter selber entscheiden, wie er die nationalen bzw. internationalen Vorgaben anwendet. Es ist sicher wenig hilfreich, wenn einige wenige, dazu häufig nicht mal hauptberufliche Fotografen auf den Plätzen auftauchen und ihre Bilder anschließend im Netz zum Kauf anbieten, so sehr sich viele darüber auch freuen. Mir ist klar, dass es hierzu gewiss andere Meinungen gibt. Jeder sollte sich aber bewusst machen, dass bei einem schlimmstenfalls erneuten Verbot von Turnieren diejenigen hart und möglicherweise existenzbedrohend getroffen werden, die die Hauptakteure des Sports sind. Also lieber die Entwicklung weiter beobachten und sich reiflich überlegen, ob ein Turnierbesuch in der jetzigen Situation wirklich so wichtig ist.