Brandon Schäfer-Gehrau – vielseitig im Sattel statt alleine an der Grundlinie



Stellen Sie sich vor, Sie werden in eine sportbegeisterte Familie hineingeboren, die ihren Kindern sowohl beruflich als auch im Freizeitbereich einiges ermöglichen möchte. Das hört sich doch verlockend an. So könnte man das Projekt der deutsch-amerikanischen Familie Schäfer-Gehrau beschreiben. In dieser Geschichte erfahren Sie, wie der inzwischen 20j. Brandon mit seiner bedingungslosen Liebe zu den Pferden seinen eigenen Weg gegangen ist und inzwischen seine Begeisterung auf den restlichen Teil der Familie übertragen hat.

Eigentlich sollte Brandon genau wie seine drei Jahre ältere Schwester Anna Lisa und Zwillingsbruder Travis den Tennissport zu seiner Lieblingsfreizeitbeschäftigung machen, denn alle drei Kinder wurden durch die tennisbegeisterten Eltern von klein an mit der gelben Filzkugel groß, lernten nach der Rückkehr aus den USA das Clubleben in Düsseldorf-Lohausen kennen. Aber da gab es in der gleichen Straße noch eine Reitanlage, die im späteren Leben von Brandon eine wichtige Station auf seinem Weg in den Vielseitigkeitssport werden sollte: der Bergerhof der Familie Richter.

Anfangs dachten Brandon’s Eltern Dagmar und Eugene noch an eine vorübergehende Phase, als Brandon sich mit 6 Jahren Pferdevideos, Bücher und selbst eine Tasse mit Pferdemotiv wünschte. Insgeheim hofften sie wohl, dass würde sich mit der Zeit wieder legen. Die ersten prägenden Erlebnisse machte Brandon zwischen 2010 und 2014 auf dem Kamperhof von Anne Brockerhoff. Hier lernte Brandon den Umgang und die Pflege der Ponies kennen und seine gewiss ungewöhnliche Beziehung zu den Vierbeinern wurde immer intensiver. Hier bekam er seine ersten Reitbeteiligungen und das 17j. Islandpony Goby. Anne Brockerhoff vermittelte Brandon die Grundlagen der Dressur und nahm ihn 2013 zu ersten Turnieren mit. Gemeinsam mit Schwester Anna Lisa verbrachte er in den diesen Jahren häufig einen Großteil der Sommerferien auf dem Ponyhof in Havixbeck.

Mit ganzer Überzeugungskraft gewann er seine Eltern im Alter von 14 Jahren dafür, ihm Privatunterricht auf dem benachbarten Bergerhof bei Trainerin Christina Hofmann-Richter zu ermöglichen. Christian Richter, Pferdezüchter und Vater der in der Vielseitigkeit bekannten Geschwister Simone, Mandy und Christina, erkannte das Talent des Jungen und stellte ihm 2015 seine beiden Ponies Vogy’s Dream und Pretty in Black zur Verfügung. Unter Anleitung von Christina Hofmann-Richter verlief ein Start mit Vogy’s Dream bei der Goldenen Schärpe 2014 in Westerstede mit dem 4. Platz in der Einzelwertung erfolgreich. Anschließend überraschte die Ausbilderin Brandon mit einer Fahrt nach Warendorf. Christina Hoffmann-Richter erinnert sich: „ Brandon war von Beginn an sehr zielstrebig, hat viel Unterricht bei mir genommen und konnte sich schnell auf die beiden Ponies einstellen. Ich kannte die Wege und habe ihn dann bei Bundestrainer Fritz Lutter vorgestellt. Auch ihn überzeugte Brandon, doch haben wir ihm nichts von einer möglichen Teilnahme an den Pony-Europameisterschaften 2015 gesagt. Nachdem er sich im Juni 2015 mit einem zweiten Platz beim CCIP** in Kalundborg/Dänemark tatsächlich qualifiziert hatte, durfte er dann zwei Monate später im schwedischen Malmö bei der Euro als Einzelreiter antreten. Natürlich gehört da auch immer das nötige Glück dazu, aber das hat Brandon sich definitiv verdient“. Hinter dem neuen Titelträger Calvin Böckmann/Askaban beendeten beide als zweit-bestes deutsches Paar die Europameisterschaften auf dem achten Platz. 

Brandon Schäfer-Gehrau und Pretty in Black im Geländekurs bei der Pony-Europameisterschaft 2015 in Malmö. Nach dem 8. Platz hatten beide reichlich Grund zum Strahlen (Fotos: privat)
„Damit hätte ich nie gerechnet. Es war natürlich ein tolles Erlebnis und danach war für mich klar, dass ich auch bei den Junioren gerne vorne mit reiten und international für Deutschland starten möchte".


Bereits 2015 erwarb Familie Schäfer-Gehrau bei Elmar Lesch den damals 9j. Westfalen Rascadero (v. Rasca-lino/Natiello xx) , mit dem Brandon in den beiden folgenden Jahren in einigen CCI* startete und in Ostbevern 2016 sogar eine Prüfung gewinnen konnte. Ihn hat Brandon 2019 an eine Vielseitigkeitsreiterin in den USA verkauft.

Im August 2017 fuhr Brandon zu Amke Göttrup in Ostfriesland, wo er eine Stute mit dem ungewöhnlichen Namen Fräulein Frieda ausprobierte. „Sie war relativ klein und Ihre Abstammung mit den beiden Dressurvererbern Fürst Nymphenburg und Rotspon sowie mein erstes Gefühl weckten jetzt nicht die große Begeisterung bei mir. Aber Amke war überzeugt von ihr und schlug mir vor, dass sie und Frieda zum Gelände-training bei Junioren-Bundestrainerin Julia Krajewski nach Warendorf könnten. Gottseidank habe ich ihren Rat befolgt und vor allen Dingen Julia Krajewski sah in der Fuchsstute ein vielseitiges Talent“ erinnert sich Brandon an die Anfänge mit „Frieda“, die seinen weiteren Weg entscheidend prägen sollte.
Tatsächlich entwickelte sich schnell eine besondere Beziehung und Brandon beschreibt sie heute als sein „once in a lifetime horse“: „Frieda will einfach immer alles richtig machen, ist super ehrlich und hat einen unglaublichen Kampfgeist. Ich kann mich gerade im Gelände immer 100% auf sie verlassen. Dazu ist sie sehr unkompliziert im Umgang und ein richtiges Kuschelpferd“.




Brandon Schäfer-Gehrau und sein "once in a lifetime horse" Frieda alias Fräulein Frieda (alle Fotos: Ingo Wächter, www.iw-images.de)

Nach den beiden ersten vielversprechenden Starts Ende 2017 in den CCI1 Mechtersen und Strzegom qualifizierten sich beide über Marbach und Luhmühlen für die Junioren-Europameisterschaften 2018 in Fontaineblau. Mit 28,7 Minuspunkten und dem
7. Platz gelang ein vielversprechender Start. Dank zweier fehlerfreien Runden ohne Zeitfehler im Gelände und Parcours kehrten Brandon und Frieda mit zwei Bronzemedaillen nach Hause zurück. Nur die Französin Anouk Canteloup (25,9) und die Britin Heidi Coy (28,3) blieben vor den Senkrechtstartern. Gemeinsam mit Alina Dibowski/Barbados, Anna Lena Schaaf/Fairytale und Calvin Böckmann/Altair de la Cense gewann das Team von Julia Krajewski hinter Frankreich und Großbritannien Mannschaftsbronze. 

Nach der Euro gewannen beide die Zweisterne-Kurzprüfung in Langenhagen und belegten zum Saisonabschluss in Strzegom den 11. Rang im CCI2. Von 2018-2020 absolvierte Brandon in Warendorf eine Ausbildung zum Pferdewirt beim Deutschen Olympiade Komitee für Reiterei (DOKR) in Warendorf. Das erste Jahr in der Altersklasse der Jungen Reiter begann verheißungsvoll, denn er gewann 2019 die Deutschen Meisterschaften in Kreuth. Seine ehemalige Reitlehrerin Anne Brockerhoff erinnert sich: „Nach der ersten Springstunde habe ich die Kinder gefragt, was sie später werden wollen. Brandon antwortete, er wolle Deutscher Meister werden. Er war immer sehr zielstrebig!“.

Die Erfahrung, die er nur einen Monat später bei den Junge-Reiter-Europameister-schaften 2019 im niederländischen Maarsbergen machte, wo er mit Frieda im anspruchsvollen Gelände stürzte und ausschied, war mindestens so wichtig wie die vorausgegangenen Erfolge. Ähnlich verlief die Corona-Saison in diesem Jahr mit drei Platzierungen in den kurzen Dreisterneprüfungen in Luhmühlen (13.), Strzegom (11.) und Langenhagen (6.) . Bei den Deutschen Jugendmeisterschaften (CCI3 L) am ersten Oktoberwochenende in Luhmühlen endete der Traum von einem Podiumsplatz nach einem Stop an Sprung 25 im Gelände. Doch der bodenständige Nachwuchssportler kommentiert dies gelassen: „Das wichtigste ist, dass ich mich von solchen Rück-schlägen nicht unterkriegen lasse, sondern lerne damit umzugehen und zu analy-sieren, was ich in Zukunft besser machen kann“. 
Wie wichtig dabei die Unterstützung seiner Familie und seiner Trainer ist, beschreibt er wie folgt: „Während wir als Reitsportler mehr Individualisten sind, habe ich in meiner Familie genau das Gegenteil erfahren. Ich bin meinen Eltern und Geschwistern sehr, sehr dankbar, dass Sie mich bedingungslos unterstützt haben. Mein Vater war zu Beginn eher skeptisch, aber ihm hat meine Leidenschaft für die Pferde und Zielstre-bigkeit imponiert. Heute fiebert er bei den Geländetagen genauso mit wie meine Mutter. Sie traut sich zwar bis jetzt noch nicht jedes Pferd zu führen, aber hat extra den LKW-Führerschein gemacht, bringt uns immer sicher zu den Turnieren und verbreitet einfach immer gute Laune sowie Optimismus. Dazu hatte ich immer das Glück auf Menschen zu treffen, die mich auf meinem Weg entscheidend unterstützt haben. Das sind meine ehemaligen und heutigen Trainer Anne Brockerhoff, Christina Hofmann-Richter, Dries van Peer, Carola Bierlein, Hans-Heinrich Meyer zu Strohen, Marcus Döring, mein Junge-Reiter-Bundestrainer Frank Ostholt und Junioren-Bundestrainerin Julia Krajewski, die für mich nicht nur Vorbild, sondern in gewisser Hinsicht Mentorin ist“.

 Julia Krajewski (Bundestrainerin der Junioren) über Brandon: 
„Brandon ist ein Beispiel, dass man nicht aus einer Pferdefamilie kommen muss, aber ohne die 100% Unterstützung seiner Familie wäre er sicher nicht dort, wo er jetzt steht. Er hat gewiss Talent, aber entscheidend sind seine Einstellung und der unbedingte Wille, sich ständig zu verbessern. Am Beginn war er mehr auf Unterstützung und Ratschläge angewiesen als viele andere aus dem Juniorenkader. Die Europameisterschaft 2018 in Fontainebleau hat ihn sicher bestärkt, die Reiterei auch beruflich weiter zu verfolgen. Wir tauschen uns auch heute bei Bedarf aus“.



Als Mitglied der Perspektivgruppe wird Brandon seit dem 1.1.2020 zusammen mit Anna Lena Schaaf, Calvin Böckmann, Jerome Robiné und Felix Etzel von Leiter Frank Ostholt betreut.
 
Durch Frau Graciela Bruch als Förderpatin erhielt Brandon zwei Jahre lang eine finanzielle Förderung durch die Stiftung Deutscher Spitzenpferdesport. Nach dem Gewinn der beiden Bronzemedaillen in Fontainebleau wurde er in seiner Heimatstadt Düsseldorf zum Juniorsportler des Jahres gewählt und erhält als Mitglied des Junior-Eliteteams bis heute eine eher außergewöhnliche Förderung durch die Landeshaupt-stadt NRW, die das Logo Sportstadt so mit Leben füllt.

Eine der Nachwuchshoffnungen aus dem Stall von Brandon Schäfer-Gehrau: 
die 8j. Holsteiner Stute Fayola M aus der Zucht von Karin Maas

Neben Fräulein Frieda stehen Brandon aktuell weitere sieben Pferde zur Verfügung, von denen die beiden 8j. Stuten Florentine (Brandenburger Stute v. Fürst Wettin/Drakdream, Züchter: Gestüt Radegast) und Fayola M (Holsteiner v. Fidelio du Donjon/S.P. Cassini, Züchterin und Besitzerin: Karin Maas) bereits Erfolge bis CCI2 aufweisen können und mit deren Entwicklung Brandon sehr zufrieden ist. „Beide machen viel Freude, aber ich will Ihnen Zeit lassen und dann wird man sehen, wohin der Weg uns führt“.
Erst seit kurzem steht ihm mit dem 8j. irischen Sportpferd Parkmore Emper
(
v. Vollblüter Emperor Augustus xx aus einer Cruising-Mutter) ein Wallach zur Verfügung, der in diesem Jahr mit seinem italienischen Reiter Pietro Roman sowohl beim CCI3 Luhmühlen (12.) als auch CCI3 Arville (5.) platziert war. „Wir sind noch in der Kennenlernphase und ich werde dann nach dem Winter sehen, wie ich ihn in der neuen Saison einsetzen werde. Das wird meine letzte Saison bei den Jungen Reitern. Nachdem die Europameisterschaften in Hartpury/GBR coronabedingt in diesem Jahr ausgefallen sind, hoffe ich, dass sie im kommenden Jahr (geplant in Segersjö/Schweden vom 26.-29.08.2021) ausgetragen werden. Zurzeit absolviere ich noch meine Grundausbildung bei der Bundeswehr in Hannover und werde ab dem 1. Dezember als Sportsoldat nach Warendorf zurückkehren. Sehr gerne würde ich parallel zu meiner reiterlichen Ausbildung ein Studium der Kommunikations-wissenschaften in Münster beginnen“ hat Brandon bereits konkrete Pläne. 
Die letzten Zeilen dieser bemerkenswerten Geschichte gehören Dagmar Schäfer-Gehrau, für die die Pferdewelt komplettes Neuland war: „Es ist ein Geschenk, wenn man seinen Kindern helfen kann, ihre Träume zu verwirklichen“.

All-around-eventing dankt Brandon und allen Beteiligten an dieser Geschichte ganz herzlich und wünscht für den weiteren Weg: fingers crossed!